Mit LEO um die Welt - Sailing-Maia

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Leo segelt um die Welt

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Gedanken zum Abschied und Neuanfang Teil 1

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Veröffentlicht von in Das alte Leben · 19 Juni 2019
Vorstellung und Beweggründe:
 
Und nun will ich auch mal ein paar Worte über mich bzw. uns und Gedanken über unser Vorhaben verlieren:

Das sind wir: Peer (50), Claudia (35), (Leo 3 Monate), Lina (12 Hundejahre).
Nun ist es entschieden, es gibt kein Zurück mehr. Naja, noch ja, aber die Idee ist ausgereift und bereit, umgesetzt zu werden. Die Idee, hier alle Zelte abzubrechen und auszuwandern. Der Plan, ist, das Haus gegen ein Segelschiff zu tauschen und die Welt zu besegeln. Auf unbestimmte Zeit. Ob wir zurück nach Deutschland kommen? Ungewiss.

– Es ist schon ne Weile her, da habe ich diese Zeilen geschrieben. Mittlerweile ist das Haus verkauft, Leo ist fast 8 Monate alt und wir wohnen inzwischen übergangsweise in einer Stadt in der Nähe meiner Praxis. Um mal ein kleines Update zu geben…
 
Aber nun zum Hintergrund:

Wir lebten hier in einem beschaulichen, kleinen Dorf. Ganz hübsch eigentlich. Am See. Ländlich, fernab vom Großstadttrubel. So, wie wir es mögen. Peer hat sich hier sein kleines Traumhäuschen geschaffen. Eine 200 Jahre alte Reetdach Kate. Komplett saniert, alles in mühsamer Handarbeit. Jahr über Jahr hat er viel gearbeitet und jeden Euro, den er verdient hat, in den Hausbau gesteckt. Und auch jede freie Minute seiner Freizeit damit verbracht, alles so zu gestalten wie er es wollte. Mit Liebe zum Detail, maßgefertigt. Und dann ist das Haus fertig – so gut wie. Und dann taucht die Frage auf, ist das alles? So ist das Leben? Arbeiten, etwas Freizeit genießen, wieder arbeiten? Einmal im Jahr einen großen Urlaub machen, der sowieso immer viel zu kurz ist für das, was die Welt so zu bieten hat. Nicht, dass wir nicht gerne arbeiten. Oder faul sind oder so. Nein. Wir sind beide gerne selbstständig, haben uns Existenzen geschaffen und gut verdient. Vielleicht zu gut sogar. Denn man wird gierig. Wir haben gerne Geld ausgegeben. Für Restaurants, Urlaube, Hobbies… Wir leben gerne den Moment. Mir fällt es unwahrscheinlich schwer, Geld auf die hohe Kante zu legen für schlechte Zeiten, oder so. Ich lebe lieber im Hier und Jetzt. Wer weiß, was morgen ist. Ja, im Grunde ging es uns sehr gut. Keine Frage. Die Leute sagen uns, wir seien doch wahnsinnig, das alles gegen ein ungewisses Leben aufzugeben.  Und dennoch schreit etwas in uns. Vor allem der Mangel an Zeit belastet mich sehr. Ja ok, auch das schlechte Wetter. Und wir wollen die Welt sehen. Aber das ist nochmal ein Blog für sich…Vor allem ist es die Zeit. Ich bin immer nur gerannt. Ich hatte ein Tempo drauf, manchmal habe ich mich über mich selbst erschrocken, weil ich alles nur noch im Laufschritt erledigte. Ich renne und renne und renne von einem Termin zum nächsten. Immer das Gefühlt, die Zeit sitzt mir im Nacken. Der Feind - die Zeit. In meinem Job muss ich rennen, um möglichst viele Termine einhalten zu können. Alle eng aneinander gelegte, um ja keine wertlosen Minuten zu verlieren. Also bin ich diesen Laufschritt gewohnt. Freie Zeit ist begrenzt. Und somit kam ich teilweise sogar richtig in Freizeitstress, Angst, nicht alles schaffen zu können, bevor die Arbeit weiter geht. Manchmal kam mir sogar telefonieren mit Freunden oder der Familie schon als überflüssige Zeitverschwendung vor, was könnte man in der Zeit nicht alles Sinnvolleres erledigen. Noch heute, obwohl ich durch die Geburt meines Sohnes seit Oktober 2018 nicht mehr in dem Maße arbeite, ist es noch in mir verankert irgendwie. Die Geburt unseres Sohnes hat mich überhaupt zum Glück schon etwas entschleunigt. Schon früh in der Schwangerschaft hat er mir signalisiert, hey Mama, mach mal langsam!  Es ist Wahnsinn. Und plötzlich sehe ich es auch von Außen so klar, alles rennt. Jeder ist in Eile. Im Straßenverkehr, an der Supermarktkasse, Zeit ist Mangelware. Ist das gesund? Ist das erstrebenswert?
Für mich nicht, habe ich beschlossen. Nein, so in der Form möchte ich mich nicht nochmal wiederfinden. Schließlich war Leo auch das Zünglein an der Waage, das mich überzeugte, wir müssen hier raus.  Denn ich war (und bin es auch heute bei vielen Themen immer noch) die Skeptikerin. Peer ist wie so oft die treibende Kraft.

 
Aber einfach alles aufgeben? Ein sicheres, vollkommenes Leben. Ja, das Thema Sicherheit ist ein großes Thema. War und ist es auch für mich. Insbesondere in Bezug auf „Aussteigen“ taucht es quasi bei jeder Unterhaltung auf. Dabei muss man erstmal definieren, was Sicherheit oder Vollkommenheit für einen persönlich bedeutet. Ein üppiges Bankkonto? Eine Lebensversicherung? Ein sicherer Job? Ein soziales Umfeld? Ein System, in dem man aufgefangen wird, wenn mal was schief läuft? Zumindest ist es das, was einem suggeriert wird, was Sicherheit und Vollkommenheit sein soll. Und dass man das unbedingt braucht. Aber macht das alles wirklich Vollkommenheit und Sicherheit aus?  Ja, es ist ein Risiko, da man letztendlich nicht alles bis ist kleinste Detail planen kann auf unserer Reise. Vor allem die finanziellen Einkünfte sind ungewiss. Schwer kalkulierbar. Oh wie ich es hasse, nicht kalkulieren zu können. Typisch Jungfrau…
Eine große Portion Mut und Selbstvertrauen gehört also bestimmt auch dazu. Muss ich auch erst lernen. Vertrauen ist auch das Schlüsselwort. Vertrauen nicht in irgendetwas wie ein System oder einen Vertrag, den man mit irgendjemandem geschlossen hat, sondern Vertrauen in einen selbst. Das ist es, was uns am Leben hält, das Vertrauen in uns, Vertrauen in das Leben. Leider ist es jedoch das, was einem zunehmend abgesprochen wir. Wir sollen nicht vertrauen. Wir sollen uns fürchten, vor allem Möglichen, was so passieren kann. Wir sollen uns absichern. Auf jeden Fall sollen wir uns immer bewusst sein, dass das, was wir besitzen, vergänglich ist und es könnte uns jederzeit genommen werden. Ich meine hier die materiellen Dinge. Wir sollen konsumieren und besitzen. Rund um die Uhr werden in uns Bedürfnisse geweckt. Ja, auch in mir. Und ich spiele das Spiel auch mit. Gewaltig sogar. Es schafft Befriedigung. Der Ausgleich zum stressigen Alltag. Die Belohnung.
Die ständige Verfügbarkeit von allem, wonach einem gerade der Sinn steht, ist wie eine Art Sucht. Und irgendwie bin ich da wie ein Junkie. Ich habe ein hohes Suchtpotential. Für mich gibt’s nur ganz oder gar nicht. Ich habe Leute immer bewundert, die gelegentlich rauchen oder nur ein Stück Schokolade essen und den Rest für später aufheben. Für mich ist es ein ständiger Kampf mit mir selbst in dieser konsumorientierten Welt. Grund genug, sich dem mal zu entziehen. Denn wenn es nicht verfügbar ist, wird es auch nicht vermisst. Und Abstriche werden wir machen müssen. Definitiv. Ich höre Peer immer sagen, „du kannst das nicht mitnehmen, wir haben keinen Platz!“. Also heißt es ausmisten. Das fing schon beim Hausverkauf an. Sich von Dingen zu trennen. Sich der eigentlichen Bedeutung klar zu werden, um dann festzustellen, wie viel überflüssigen Krempel wir besitzen. Und dann läuft es wie von selbst. Ein ganzes Haus, zwei Leben wurden ausgemistet, Dinge wurden verkauft, verschenkt oder weggeworfen. Übrig geblieben ist eine 3x3qm große Lagerbox für (wenige) Dinge, von denen wir uns nicht trennen wollten, für später brauchen oder aufbewahren müssen, wie z. B. Aktenordner. Ein paar Kartons mit wenigen Klamotten, Küchenutensilien, Spielzeug für Leo und Sport/Hobby kommen mit auf’s Schiff. Das War’s. Und es ist immer noch zu viel.
Aber das ist schon einmal ein Anfang, sich von unnötigem Ballast zu trennen. Das tut gut. Und trotz dieses Verlustes von so vielen Dingen fühlt sich das Leben nicht weniger vollkommen. Also kann ich schon mal mein Fazit ziehen, das zumindest das macht für mich Vollkommenheit und Sicherheit nicht aus. Der Verlust tut nicht weh. Im Grunde ist es ja auch nur ein Tausch. Ein Tausch gegen Zeit. Zeit mit Leo, Zeit mit Peer, Zeit für das Schöne im Leben, das einfach immer zu kurz kommt. Gelassen in einen Tag zu starten, ohne Hektik und Termindruck. Natürlich wird es nicht so sein, dass wir gar nichts zu tun haben. Auch auf dem Schiff haben wir Verpflichtungen. Wir werden auch arbeiten. Aber anders. Fortsetzung folgt…



1 Kommentar
Durchschnittliche Bewertung: 115.0/5
Sascha
2019-06-19 15:30:00
Wow. Schöne Worte, Noch bessere Entscheidung. Ganz viel Glück und eine wirklich gute Zeit wünsche ich Euch.
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